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<alles>

 <quelle link="http://www.indymedia.de.vu">indymedia.de.vu</quelle>
 <datum>September 2004</datum>

 <titel>Religion der Vielen</titel>
	
 <text>Im Jahr 2000 in Englisch und 2002 in Deutsch wurde mit „Empire : Die neue Weltordnung“ ein Buch veröffentlicht, dass den Anspruch erhob, eine umfassende Analyse der Gesellschaft im Hinblick auf die Möglichkeiten einer [kommunistischen] Revolution zu liefern. Dabei knüpften die Autoren Michael Hardt und Antonio Negri an ihre - allerdings lange nicht so sehr wie dieses Buch beachteten - Arbeiten zur Aktualität und gleichzeitig notwendigen Transformation der Marxschen Untersuchungen und Kategorien an.</text>

 <text zusatz="titel2">Kommunismus neu layouten</text>
 <text>In Empire stellten sich, ausgehend von den Thesen, dass sie beide Kommunisten sind und das die bei Marx bestimmten Klassen, sowie der diesen Klassen zugeschriebenen Ziele und Aufgaben sich mit der Veränderung der Produktionsverhältnisse grundlegend transformiert hatten, die Frage nach einem möglichen Revolutionären Subjekt. Hardt/Negri ließen keinen Zweifel daran, dass sie eine Revolution für notwendig und gleichzeitig in der Gesellschaft vorbestimmt ansahen. Sie ließen auch keinen Zweifel daran, dass diese Revolution von einer durch den Weltgeist, beziehungsweise die gesellschaftlichen Notwendigkeiten beauftragten Masse durchzuführen war.</text>
 <text>Gleichzeitig nahmen sie wahr, dass erstens die Industriegesellschaft sich in der Auflösung befand, zumindest in den Länder der sogenannten „Ersten Welt“, dass sich zweitens damit das Proletariat als potentiell revolutionäre Klasse überholt hatte, dass sich drittens neben der Marxschen Theorie und ihrer Exegesen und Fortschreibungen, andere Theorietraditionen entwickelt hatten, die den Anspruch erhoben, ebenso revolutionäre Ziele zu verfolgen und dass viertens sich die Möglichkeiten der Kommunikation in der Gesellschaft grundlegend verändert, oder anders gesagt, beschleunigt hatten. Das alles hatten sie genauer als andere wahrgenommen und versuchten es nun in ihrem Werk zu verarbeiten.</text>
 <text>Allerdings misslang das grandios. Sie kritisierten nicht die Grundlagen der Marxschen Werke, sondern nur die Oberfläche. Der implizite Glaube an den Hegelschen Weltgeist, welcher zur beste aller Welten strebt, erhielt sich bei ihnen ebenso, wie die Notwendigkeit einer revolutionären Masse, deren Stellung einzig aus einer Perspektive beschrieben wurde. Dazu versuchten sie zwar, die Theorien, die sie als Nebenprodukte der potentiell revolutionären Gesellschaftsanalysen vorgefunden hatten, in ihr Denken zu integrieren. Dies allerdings schienen sie aus dem Reflex heraus zu tun, dass es notwendig wäre, sich zu diesen zu verhalten, nicht weil sie die Theorien und Ansätze teilten. Sie griffen sich teilweise die Terminologie, teilweise Versatzstücke, die sie dann für ihr Denken zurecht bogen. Ihr Buch wurde deshalb zwar kurz hoch gelobt und relativ oft besprochen, aber gleichzeitig auch schnell wieder vergessen.</text>

 <text zusatz="titel2">Grundlagenbehauptungen</text>
 <text>Die Quintessenz ihrer Überlegung liegt und lag in der „Multitude.“ Diese sei die potentielle revolutionäre Masse, welche sich zur Zeit im Gegensatz und gleichzeitig innerhalb des - an sich ausweglosen - Systems bilden würde. Die Multitude sei dabei die virtuelle Vereinigung aller sich gegen die Zumutung des Systems wehrenden, welche sich durch die beschleunigte Vernetzung - qua Internet - darüber klar werden würden, dass sie letztlich, trotz aller regionalen und subjektiven unterschiedlichen Kämpfe den gleichen Kampf führen oder zumindest den gleichen Feind angehen würden: das Empire. Dieses wiederum benutzen Hardt/Negri als Begrifflichkeit, die heutige Regierungsform zu beschreiben - und zwar weltweit und gesellschaftsumgreifend. These ist, dass das Empire quasi die Globalisierung ermöglichen und selbst durch sie ermöglicht sei. Es geht ihnen dabei nicht um einzelne Regierungen oder Organisationen, sondern um die Formen der Macht und die Versprechen, welche durch die Globalisierung angeblich gegeben und gewalttätig durchgesetzt werden: „Die Globalisierungsprozesse sind nicht länger eine bloße Tatsache, sondern auch Grundlage des Rechts. Sie zielen der Tendenz nach auf die Schaffung einer einzigen supranationalen Gestalt politischer Macht.“ [Empire, S. 24] „[...] ein neues Rechtsverständnis oder vielmehr eine neue Art, wie Autorität auftritt, eine neue Weise, wie Normen und andere Zwangsmittel des Rechts geschaffen werden, um Vertragstreue zu garantieren und Konflikte zu lösen.“ [Empire, S. 25] „Empire heißt Frieden, Empire heißt garantierte Gerechtigkeit für alle. Die Idee des Empire ist die Vorstellung eines globalen Konzerts unter der Leitung eines einzigen Dirigenten; die eine Macht, die den sozialen Frieden bewahrt und moralische Gewissheit bietet. Und um diese Ziele zu erreichen und zu bewahren, ist die eine Macht mit den notwendigen Gewaltmitteln ausgestattet, um nötigenfalls ‚gerechte Kriege’ zu führen, gegen die Barbaren an den Grenzen wie gegen die Rebellen im Innern.“ [Empire, S. 26]</text>
 <text>Die Rebellen und Barbaren, die unbestimmt erst mal nichts gemeinsam haben, als gegen die Versprechen und Ziele des Empire zu stehen, die aber gleichzeitig durch dieses Empire hervorgebracht, konstituiert werden - hier soll dann mit dem Begriff Biomacht an Foucault angeschlossen werden - die sich in losen Netzwerken organisieren, gleichzeitig dabei lernen - wie nett - mit Differenzen innerhalb dieser Netzwerke umzugehen, sie zu respektieren und letztlich sogar als Vorteil im Kampf gegen das Empire anzusehen, bilden die Multitude. Dieses Konzept klingt weder neu, noch ist es neu. Alles, was Negri/Hardt zustande brachten, war die Neuschreibung des Alten „die Ausgeschlossen des Systems sind die vom System Produzierten potentielle Revolutionäre“ Konzepts. Doch Begründungen bringen sie dafür nicht. Die Revolution wird kommen, deshalb braucht es ein revolutionäres Subjekt - hier folgen sie dann wieder einen platten Marxismus. Sie haben genau dieses gesucht und genau deshalb auch eines gefunden. Eine Welt, ohne potentiell revolutionäre Masse ist ihnen unvorstellbar, trotz der grausigen Erfahrungen, welche die Welt mit Massenbewegungen machen durfte. [Nebenbei: die Welt durfte auch schreckliche Erfahrungen mit Bewegungen einiger weniger machen. Das ist also auch nicht „der Ausweg“.] Während Adorno/Horkheimer aus der Genese der Aufklärung eine pessimistische Weltsicht zeichnen zu müssen glaubten, welche zwar an der Notwendigkeit einer Veränderung festhielt, gleichzeitig die Möglichkeit einer Umsetzung jener Notwendigkeit bezweifelten und während Foucault gerade wegen der sturen Ausrichtung auf eine Übernahme der Gesellschaft vor jeder wirklichen Veränderung und dem „Mord am König/Vater“ als gedachten Anfang jeder Revolution seit der französischen, die gängigen Revolutionsmodelle ablehnte und sich Konzepten der nicht-affirmativen Verschiebungen zuzuwenden versuchte, halten Negri/Hardt - wie auch schon in früheren Schriften - an dem schönen Versprechen der Machtübernahme fest.</text>

 <text zusatz="titel2">blühende Religiosität</text>
 <text>Woher nehmen sie sich dieses Recht? Aus einer religiösen Denkweise. Das konnte man bisher ahnen. Aber mit der Veröffentlichung von zwei Artikeln in der letzten Jungle World haben sich Hardt/Negri quasi dazu bekannt, dass hinter all dem Anführen unterschiedlicher Theorien und utopischer Revolutionsbilder vor allem ein Glaube steht, der sich zwar mitnichten an Gott bindet, aber dennoch die bekannten christlichen Züge aufweist, vom Lob der gerechten Armut - die Unterdrückten bilden die Multitude -, von der Hilfe Gottes/des Schicksals für die Guten - schließlich wird die Multitude gewinnen -, von der letztlich, bei allen Unweglichkeiten, doch moralischen und guten Einrichtung der Welt.</text>
 <text>Dabei versäumen sie es wieder einmal, ihre Kriterien, wer oder was eigentlich die Multitude sei, darzustellen. Irgendwie alle, aber auch doch nicht: „[...] die Multitude kann [...] als ein Netzwerk aufgefasst werden: als ein offenes und breit angelegtes Netzwerk, das es zulässt, jegliche Differenz frei und gleich auszudrücken, ein Netzwerk, das die Mittel der Begegnung bereitstellt, um gemeinsam arbeiten und leben zu können.“ [Multitude] Das klingt nicht von ungefähr wie die Umschreibungen für die richtigen Gläubigen in Sektenschriften, dass ist der gleiche Duktus: möglichst alle, aber auch nur die Ausgewählten gehören zu dem erlauchten Kreis der Auserwählten. Nur dass es hier um die Revolution gehen soll und nicht um den Einzug ins Himmelsreich. Zudem ist die Multitude - hier wieder mit Sekten, aber auch mit autonomen Gruppen vergleichbar, eine Vorwegnahme der guten Gesellschaft, in der „der Wolf beim Schaf, der Löwe bei den Lämmern liegt“: „Die Multitude hingegen [im Vergleich zu Volk, Klasse, Masse. Anm. WK] sind viele. Die Menge weist in sich unzählige Unterschiede auf, die niemals auf eine Einheit oder eine einzige Identität zurückzuführen sind - die Unterschiede zeigen sich als kulturelle, ethnische, geschlechtsspezifische oder sexuelle Differenz, aber auch als unterschiedliche Formen zu arbeiten, zu leben oder die Welt zu sehen und als unterschiedliche Wünsche und Begehren. Die Multitude ist eine Vielfalt all dieser singulären Differenzen.“ [Multitude] Das heißt allerdings auch, dass die Multitude - auf welche Art auch immer - die „Singularitäten“ zu einem vereint.</text>
 <text>Und wie soll das möglich sein? Durch Demokratie. Ohne Witz ist das die Forderung, bei der Negri/Hardt angekommen sind: die Aufgabe der Multitude ist die Erringung einer wahrhaften Demokratie, nicht etwa eine Veränderung der Ökonomie, der Identitätskonzepte und so weiter. Nein, es geht um das moralische Ziel, eine bessere Form der [Selbst-]Regierung zu schaffen: „[...] im Widerstand und in revolutionären Organisationen nicht nur Mittel im Ringen um eine demokratische Gesellschaft zu sehen, sondern vielmehr in den Organisationsstrukturen selbst demokratische Verhältnisse zu schaffen.“ [Multitude]</text>
 <text>Das alles mag abgehoben, unreflektiert und platt erscheinen - und das ist es auch. An mehreren Stellen in „Madison und Lenin“ wäre anhand der Verweise auf Foucault und den Poststrukturalismus nachzuweisen, wie wenig Negri/Hardt die Theorien, die sie zitieren tatsächlich anwenden, und wie sehr sie sie dagegen einfach - auch gänzlich diametral - wenden, um sie in ihr eigenes Theoriesystem einzufügen; zum Beispiel wenn sie von „natürlich und künstliche Enden der Biopolitik“ reden, wenn sie „die Souveränität“ durch Übernahme zerstören wollen oder wenn sie vom „globalen Kriegszustand“ reden, den Foucault als rhetorische Figur der Moderne entlarvte. Doch am stärksten diskreditiert sich das Autorenduo, wenn sie eine Kategorie in die [emanzipatorisch gedachte!] Politik einführen wollen, die dort nicht das geringste zu tun hat, sondern zur Religion gehört: die Liebe.</text>
 <text>„Konstituierende Macht ist [...] eine Entscheidung, die aus dem ontologischen und sozialen Prozess produktiver Arbeit heraus entsteht; sie ist eine institutionelle Form, die eine gemeinsamen Inhalt entwickelt; sie ist die Einsetzung einer Kraft, die den historischen Fortschritt von Emanzipation und Befreiung verteidigt; kurz: sie ist ein Akt der Liebe.“ [Madison und Lenin] Das lässt sich zusammenfassen: es gibt keinen Grund, warum es überhaupt zur Revolution kommen sollte, eher spricht alles dagegen; es kein revolutionäres Subjekt mehr, alle Formen haben sich desavouiert; doch das alles wollen Negri/Hardt nicht einmal andenken. Also müssen sie, um überhaupt Hoffnung zu finden, aufs Metaphysische zugreifen: auf Gefühle.</text>
 <text>Dabei sollte auch ihnen bekannt sein, dass Gefühle nur für Die als politische Kategorie wirklich nützlich sind, welche deren Inhalt bestimmen können. Und es sollte auch klar sein, dass Liebe keine politische Waffe per se, sondern ein umkämpftes Feld von Politik der sozialen Beziehungen, der Produktion von Begehren und der Konstitution von Identitäten darstellt. Sicher: wenn man auch Deleuze/Guattari zurückgreift, könnte man Formen von Liebe als Kriegsmaschine bezeichnen, die im richtigen Moment, in der richtigen Form und auf das richtige Ziel gewendet, emanzipatorisch wirken kann. So wie das Liebeskonzept der Hippies eine kurze Zeitlang in der Gesellschaft fortschrittlich wirken, heute aber nur noch als entpolitisierter Rückzug ins Individuelle zu finden ist. Mehr aber auch nicht. Bei Hardt/Negri ist die Liebe [wieder] ein ewiger Wert, wie sie auch in der Religion ein ewiger Wert ist.</text>

 <text zusatz="titel2">Fluchtlinie Metaphysik</text>
 <text>Wenn die Erklärungen scheitern, wenn die eigenen Thesen sich als falsch herausstellen, gibt es die Möglichkeit, dies anzuerkennen. Oder aber man verdrängt es, will es nicht wahrhaben, und beginnt deshalb die Realität immer mehr durch ewige Werte - im Guten wie im Schlechten - zu erklären. Diesen Weg haben Negri/Hardt beschritten. Deshalb brauchen sie auch nicht mehr von der realen Gesellschaft und ihrer realen Umgestaltung reden, sondern können sich in apokalyptischen Vorhersagen gefallen: „Nein, unsere heutige Situation ist nicht wegen der globalen Krise der Demokratie, dem permanenten Ausnahmezustand und dem endlosen globalen Krieg günstig, sondern weil die konstituierende Macht der Multitude so weit herangereift ist, dass sie durch ihre Netzwerke der Kommunikation und Kooperation, durch ihre Produktion des Gemeinsamen eine andere demokratische Gesellschaft eigenständig aufrechtzuerhalten vermag.“ [Madison und Lenin]</text>
 <text>Vielleicht muss es doch einmal gesagt werden: die Multitude ist bestenfalls ein Gehirngespinst. Es gibt sie nicht und wird sie auch nicht geben, sie ist genau das was sich Hardt/Negri gewünscht haben. Nur deshalb haben sie es auch gefunden. Die Kommunikation, die sie preisen führt mitnichten zu einer stärkeren Vernetzung, sondern zu einer anderen. Die in den letzten Jahren entstandenen Netzwerke sind mitnichten Teile eines virtuellen Kampfes. Im schlechtesten Fall werden einige Menschen versuchen, diese Wunschträume durchzusetzen. Das führt dann zu den bekannten Flügelkämpfen, zu Reden von der einigen Linken, zu Resignation und Abspaltungen. Solche Prozesse sind bekannt. Selbst die Bindung angeblich revolutionärer Theorie und Philosophie an religiöse - vorrangig christliche - Konzepte. Es sollte dann aber bitte nicht als etwas Neues oder gar Hilfreiches verkauft werden, sondern als die - zumindest teilweise - Kapitulation vor den Verhältnissen.</text>

 <zusatz>
  <titel>Literatur</titel>
  <text>* siehe: Michael Hardt / Antonio Negri; "Empire : Die Neue Weltordnung"; Frankfurt a.M. / New York : Campus Verlag, 2002</text>
  <text>* siehe: Michael Hardt / Antonio Negri; "Mulititude : Das Gemeinsame Leben" und "Madison und Lenin : Die neue Wissenschaft von der Demokratie"; Berlin : Jungle World Nr. 39 / 2004 [15. September 2004]</text>
  <text>* das neust Buch der beiden: Micheal Hardt / Antonio Negri; "Multitude : Krieg und Demokratie im Empire"; Frankfurt a.M. : Campus Verlag, 2004</text>
 </zusatz>

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