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<!DOCTYPE Text SYSTEM "../../kritik.dtd">

<kritik>

 <artikel>

  <feld><titel>Die guten, alten 20er Jahre</titel></feld>
  <feld><untertitel>Vom sinnvollen Gebrauch eines Eispickels : die trotzkistische Jugend-Gruppe Revolution berichtete über ihre Konferenz</untertitel></feld>
  <feld><autorin>Wolfgang Klimm</autorin></feld>

  <feld><titel2>Wer? Warum?</titel2></feld>
  <feld><absatz>Revolution, für die, welche sie nicht kennen, nennt sich eine wirklich kleine, nervige Jugendgruppe im kollektiven Größenwahn. Sie will selber eine "kommunistische Jugendorganisation" sein und macht vor allem durch platte Sprüche und Aktivismus Politik. Hauptsächlich wird bei Revolution von der Notwendigkeit des Klassenkampfs, dem Proletariat und dem Kampf gegen die Reaktion und den Reformismus geredet. Gerne wird Lenin zitiert. Das alles unterscheidet diese Gruppe nicht von anderen trotzkistischen. Doch da sie so wenige sind, noch so unbedacht, auch ganz einfach den Blödsinn zu sagen, den sie denken, da sie mit der Realität der radikalen Linken und der Gesellschaft noch so wenig in Kontakt gekommen scheinen, sind sie so etwas wie ein zu bevorzugendes Studienobjekt. Alles, was sich bei SAV, Linksruck, auch bei attac und ähnlichen Gruppen finden lässt, wenn man aufpasst, findet sich hier in Reinform. Deshalb wollen wir einen genaueren Blick riskieren.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Die Situation ist günstig. Letztes Jahr trafen sich Mitglieder von Revolution zu einer Konferenz, letztens dann wurde der Welt über die gleichnamige gruppeneigene Zeitschrift und das Internet von den Ergebnissen in Kenntnis gesetzt. Insgesamt fünf Resolutionen und ein einleitender Text sind dafür entstanden. Lesen wir sie.</absatz></feld>

  <feld><titel2>Bolschewiki in klein</titel2></feld>
  <feld><absatz>Ersteinmal fällt der Größenwahn auf: "Mit bundesweit vier Ortsgruppen ist unsere kommunistische Jugendorganisation größer als je zuvor." Man denke: vier Gruppen in ganz Deutschland. Die waren mit 20 Mitgliedern vertreten und behaupteten realitätsfern: "Die aktuelle Größe der Gruppe macht eine lose Organisierung über Email-Verteiler und informelle Absprachen unmöglich." Das ist natürlich großer Quatsch, jeder bessere Kleingartenverein beweist heute anderes. Aber bei dem geht es ja auch nicht um die Revolution. Dennoch, das Argument scheint vorgeschoben. Wozu? Um eine ordentlich hierarchisierte Struktur zu schaffen, wie anno domini ja der gute Lenin auch eine hatte. Hauptaufgabe des Treffens war die Wahl eines "achtköpfigen Exekutivkomitee (Exkom)". So klein und unwichtig die Gruppe ist, der Wahn Großes zu tun zu haben, führt dazu, die bolschewistische Partei in ihrer letzten Kampfphase nachspielen zu wollen.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Noch etwas zum einleitenden Text, das erwähnt gehört? Vielleicht dies: das ungemein reichhaltige kulturelle Rahmenprogramm enthielt das gemeinsame Schauen des Film-Klassikers "Das Leben des Brain". Wer aber Hoffnung schöpft, aus der Gruppe könne noch etwas werden, wer Monthy Phyton schaut, kann kein schlechter Mensch sein und so weiter, sei gewarnt. Die Moral der Revolution aus dem Film heißt nämlich nicht etwa die religiösen Elemente aus der eigenen Politik rauszuwerfen, sich in Sarkasmus zu üben und über Institutionen und Grüppchen zu lachen, sondern: "dass man sich nicht in Diskussionen mit kleinsten Linksgruppen [sagt die Jugendorganisation mit genau vier Ortsgruppen] verlieren darf, sondern sich immer auf die breiten Massen orientieren muss." Als hätten nicht genau diese breiten Massen Brian ans Kreuz gebracht. Aber lassen wir das, wer etwas sehen will, sieht es überall und es die guten "breiten Massen" sind, die überall gesucht werden, da hilft auch keine Filmanalyse.</absatz></feld>

  <feld><titel2>Macht die Amis platt</titel2></feld>
  <feld><absatz>Wenden wir uns den harten Fakten zu, zur ersten Resolution. Vive la résistance! Worum geht es? Hauptsächlich darum, die USA als imperialistisch zu verurteilen. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Revolutionsmitglied A. schaut sich die Nachrichten über den Irak an, weiß sonst wenig, außer dem Gefühl, dass die USA böse seien. Und auf dieser Grundlage entwirft sie strategische Konzepte, schreibt sich den Hass auf "die Amis" aus der Seele und bleibt ansonsten in einem mechanistischen Weltbild gefangen, das gut und böse und sonst nichts kennt.</absatz></feld>

  <feld><titel3>Die Linkeste von Allen</titel3></feld>
  <feld><absatz>Ersteinmal etwas zur Dummheit: "Die Krise im Irak stellt eine der größten Bedrohungen für den US-Imperialismus seit dem Vietnamkrieg dar." Mal abgesehen davon, dass das nicht bewiesen wird, ebensowenig  wie "US-Imperialismus" definiert, fragt man sich immer wieder, wie "Linke" darauf kommen Sätze zu schreiben, die so auch im Spiegel, der Frankfurter Rundschau und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stehen und sich dennoch als unabhängige Denkerinnen und Denker fühlen. Immer, wenn etwas in den realen oder angeblichen Plänen der USA schiefgeht, wird Vietnam zitiert, so wie im Christentum die Bibel. Eine Anaylse ist das nie.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Egal, denn es folgt ein Fingerzeig auf uns faule, die wir uns Links nennen oder zumindest genannt werden, den "wir" vielleicht beachten sollten. Zeigt sich doch "die Linke hierzulande zum größten Teil handlungsunfähig." Ja, keine Großdemos mehr, keine Panzerfäuste gegen US-Kasernen, keine Friedensgebete und keine Blockaden mehr. Das heißt für Revolutionsmitglied A. Untätigkeit. Dass die meisten Linken einfach eine andere Meinung haben könnten, dass sie "die Besetzung" überhaupt nicht als schlimm oder verurteilenswert empfinden, das kommt der Schreiberin nicht in den Sinn. Denn, dass die USA böse sind, führt sie weiterhin aus. Beziehungsweise, dass "der Widerstand" an sich gut sei. Man glaubt ja immer wieder nicht, dass jemand tatsächlich so denkt, bis man solche Texte ließt.</absatz></feld>

  <feld><titel3>Wissen aus dem Nichts geschöpft</titel3></feld>
  <feld><absatz>Folgen wir den Gedanken, beginnt die Meditation mit der Behauptung, dass der Widerstand keine Unschuldigen umbrächte. "Eine Analyse der Opfer des Widerstands ergibt [...], dass mehr als 90 Prozent der Anschläge politischen Zielen gelten, zum Beispiel Kollaborateuren der Besatzungsmächte, US-Soldaten und Geschäftsleute - Menschen, die für die Besatzung stehen." Fragen wir nicht, wie die "Analyse" ausgesehen haben soll, wo zum Beispiel das Zahlenmaterial herkam, denken wir nur an die Wortwahl, welche hier von einer angeblich kommunistischen Jugendorganisation angeschlagen wird. Wie in einem letzten Kampf, mitten in der belagerten Festung, gibt es nur noch Feinde und wenige Gute. Eigenständig entscheidende Leute dagegen nicht. So sind zum Beispiel NationalistInnen nicht selber darauf gekommen, die Nation anzuhimmeln und als letztes Ziel zu wählen, sondern wurden dazu vom Imperialismus verführt. Der nämlich, so lehrt uns der Text, macht das schon seit alter Zeit so. Und das offenbar erfolgreich, denn immer noch sind nicht alle US-AmerikanerInnen tot, oder in den Worten des Textes: "Es ist angesichts dieser Tatsachen [ - dass die USA böse und die anderen gut seien - ] geradezu unglaubwürdig, dass die Besatzungstruppen 'nur' ein paar tausend Tote zu beklagen haben." Offenbar sollen es mehr werden.</absatz></feld>

  <feld><titel3>back into the 1920s</titel3></feld>
  <feld><absatz>Doch das ist erst der Anfang, quasi das erste Plateau. Danach hebt der Text weiter ab und landet fern der Realität im intellektuellen Aus. Ein Spezifikum des Trotzkismus und damit auch dieser Gruppe ist das Gefühl der jeweiligen Gruppenmitglieder, in den 1920er Jahren zu leben und deshalb auch alle Probleme, Ideen und Gedanken in die politischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit einordnen zu müssen. Nur deshalb kommt es dann auch zu dem ansonsten lustiges Abschnitt über Pazifismus. Den gibt es in der besprochen Form überhaupt nicht, es gab ihn auch in den 1920er nicht so platt und schon gar nicht ist er eine Position, die in den aktuellen Streitigkeiten um die Bewertung der Situation im Irak irgendeine Bedeutung spielt. Eigentlich. Für Revolution ist er offenbar ein brandaktueller Standpunkt, den es zu widerlegen gilt:</absatz></feld>
  <feld><zitat>"Im Angesicht dieser Welle der Gewaltätigkeit und Repression [die angeblich durch die US-Truppen im Irak hervorgerufen wird] wird jedem Pazifisten die Unmöglichkeit eines gewaltlosen Weges deutlich. Der Widerstand im Irak ist vielfältig. Er geht von Massendemonstrationen, Streiks der ArbeiterInnen bis hin zum bewaffneten Widerstand. Aus pazifistischen Gründen den Kampf an sich ablehnen, das würde bedeuten, sich dem Imperialismus zu beugen."</zitat></feld>
  <feld><absatz>Es ist hier nicht unsere Aufgabe den Unsinn über den Pazifismus zu kritisieren, das können die wenigen Pazifistinnen und Pazifisten schon selber. Worauf wir hinweisen wollen ist folgendes: Anstatt sich mit der Realität auseinander zu setzen, stellt Revolution das Problem in ein vor fast 90 Jahren aktuellen Diskussionszusammenhang und wundert sich gewiss, für verrückt erklärt zu werden. Zudem bleibt das Problem, dass immer noch nicht klar ist, was bitteschön "der Imperialismus" im Sinne des Gruppenverständnisses sein soll. Das wird auch bis zum Ende nicht klar. Offenbar aber ist er böse und gemein und es geht nur sich zu ergeben oder dagegen anzukämpfen. Wie, um nochmal auf die Religion zurückzukommen, der Teufel.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Was das Problem mit ihm sei, wird nur angedeutet, wenn vom Motiv des Widerstands gesprochen wird. Der sei "in erster Linie von der Verweigerung des Rechts auf nationale Selbstbestimmung" getrieben. Das kennt man, nationale Selbstbestimmung wurde durch Lenin und später Stalin zu einem angeblich zu verteidigenden Recht "der Völker". Das wurde in den 20er kritisiert und ist heute als Argument gänzlich ad acta gelegt worden. Eine Nation ist ein Zwangskollektiv, das automatisch immer Ausschlüsse produziert, es ist nicht mehr ein Feudalstaaten abschaffendes und Grenzen überwindendes Ziel, sondern reaktionäre Kategorie zum Begreifen der Welt. Aber was rede ich: das alles ist - so platt es auch teilweise klingt - richtig. Außer bei solchen Gruppen wie Revolution, da wird die Nation zur Vorbedingung des Sozialismus.</absatz></feld>
  <feld><zitat>"Die Aufgabe von RevolutionärInnen im Irak ist es, den Widerstand gegen die Besatzung zu organisieren und innerhalb der Bewegung für eine sozialistische Strategie zu kämpfen. Alles andere würde bedeuten, dass man den Widerstand allein den Islamisten überlässt."</zitat></feld>
  <feld><absatz>Das zeigt uns zum Einen, dass Revolutionsmitglied A. offenbar meint Einblick in die Strukturen "des Widerstands" zu haben und genau zwei Gruppen ausmachen kann, und zum anderen, dass sie offenbar von zwei Dingen ausgeht. Erstens, dass es dort Gruppen gäbe, die "für den Sozialismus" kämpfen würden - und offenbar bisher bloß och nicht so recht bekannt geworden sind - und zweitens, dass es eine Aufgabe gäbe, die irgendwie von irgendwem, dem gottgleichen Geist der Geschichte wohl, festgelegt wurde. Auch das ist bekannt. Obwohl nur eine sehr platte Engels-Exegese und dutzende Male aus unterschiedlichen Richtungen, ob nun der Kritischen Theorie, dem Strukturalismus oder Postmoderner Theorien, kritisiert und als gefährlicher Unsinn entlarvt, lebt der Gedanke vom einem vorgeschrieben Ziel der Geschichte auch hier fort. Da bedarf es dann auch keiner Analyse der Verhältnisse mehr, kein Nachdenken, sondern es genügt ein einfaches Glauben. Womit wir wieder bei der Religion sind.</absatz></feld>

  <feld><titel3>demokratie und undemokratie</titel3></feld>
  <feld><absatz>Noch eine Interpretationsfrage: wenn die USA dabei helfen, eine Regierung zu wählen, was ist das dann? Eine undemokraische Regierung. Umgedreht wäre offenbar eine vom "Widerstand" eigesetzte Regierung demokratisch. Als Beweis dafür, wie gemein dabei die USA vorgehen, gilt, dass "das Marionettenregime in Afghanistan [...] erst vor einigen Monaten eine reaktionäre islamische Verfassung" verabschiedet hätte. Das ließe sich auch - wenn es denn so wäre - als Beweis für die Nichtverankerung demokratischer Ideale in der afghanischen Bevölkerung und Gesellschaft interpretieren, bei Revolution aber sieht es so aus, als wäre das genau das Ziel der USA: eine "reaktionäre islamische Verfassung". Dass man sich gar nicht traut die Politik der USA auch nur zu analysieren, weil es schnell so aussehen könnte, als würde man solchen Trotteln wie Revolution zustimmen wollen, ist bei solchen Sätzen nur zu verständlich.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Noch etwas Leninismus am Ende? Die These ist, dass "das Kapital" so etwas wie eine zusammenhängende Gruppe sei, die ihr Vorgehen abstimmen - und nicht etwa untereinander konkurrieren würde - und das genau dieses "Kapital" hinter dem Imperialismus stände. So etwas ist auf den ersten Blick schon Schwachsinn, je länger man nachdenkt, um so mehr Blödsinn wird das. Doch das hält Revolution nicht ab, die These doch implizit zu vertreten.</absatz></feld>
  <feld><zitat>"Eine Niederlage des US-Imperialismus im Irak würde bedeuten, dass die imperialistischen Ambitionen der USA und ihrer Verbündeten erstmal gebremst wären. Der Rückzug der Besatzungstruppen wäre ein Fanal für alle nationalen Befreiungsbewegungen, für alle KämpferInnen gegen Unterdrückung auf der Welt. Es würde den Imperialismus als System in eine Krise stürzen. Dass den Kapitalisten der Widerstand im Irak nicht egal, sondern sie im Gegenteil empfindlich stört, sieht man schon allein an den Auf- und Abfahrten des Ölpreises."</zitat></feld>
  <feld><absatz>In diesem Abschnitt ist so fast alles falsch, aber es ist tatsächlich die Qualität, in der bei Revolution gedacht wird. So wird nie die Frage gestellt, was eigentlich mit den Menschen im Irak ist, die nicht zum "Widerstand" oder zur "Kollaboration" gehören und wie es ihnen bei einer "Niederlage des US-Imperialismus" gehen würde. Es wird einfach mal eine Krise, ein mögliches Ziel herbeigeredet, obwohl der US-Imperialismus, so er denn so existierte, wie Revolution ihn sich vorstellt, schon seit Vietnam in der Krise stecken müsste und niemals im Irak sich hätte materialisieren können. Egal, die Rechnung bleibt trotzdem: gewinnt "der Widerstand" im Irak, gewinnen alle, weil quasi alle gut sind, außer den USA. Gut/böse, Gott/Teufel und so weiter. Und das angebliche Auf- und Ab des Ölpreises - statistisch gibt es nur ein Auf und das auch schon seit Jahrzehnten, egal welcher Krieg gerade war - als Zeichen der Krise des Kapitalismus/Imperialsmus ist dann nur noch Projektion, weil halt nach der Idee von Revolution alle KapitalistInnen unter einer Decke stecken würden.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Und dann noch einmal zurück zum Größenwahn. Nachdem der Text in groben Zügen die Weltpolitik beschreiben wollte, endet alles in der Banalität von Protesten, die zuvor bei der Polizei angemeldet werden. "Massenmobilisierung", "Aufklärungsarbeit" und so weiter. Manche brauchen halt einen Feind, um sich wichtig zu fühlen und die Freizeit rumzubringen. Zur Not, wie hier, wird er einfach erfunden.</absatz></feld>

  <feld><titel2>Faschismus gleich Kapitalismus</titel2></feld>
  <feld><absatz>Die nächste Resolution ist nicht ganz so lang, dumm ist sie trotzdem: "Resolution zu Nazis." Fassen wir sie zusammen: Nazis sind zu bekämpfen und nur Revolution weiß wie, wieso und warum. Vor allem weiß Revolution auch, was Nazis sind. Die Antifa dagegen ist nur doof und hat keine Ahnung von den Hintergründen.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Etwas genauer geht es natürlich. Die grundlegende These dieses Textes ist bei Dimitrov geklaut und liest sich so: Nazis sind nichts anderes als der letzte Stoßtrupp, den "der Kapitalismus" aufgestellt hat, um die Arbeiterbewegung von der Revolution abzuhalten. Selber sich entschieden haben die Nazis sich dazu nicht, selber denken tun sie auch nicht und Anschlüsse an das Denken der Nichtnazis sind nur Ablenkungen der Nazis vom eigentlichen Ziel.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Dimitrov musste sich bekanntlich 1933 vor dem Reichsgerichtshof verteidigen, da er angeklagt wurde, den Berliner Reichstag angezündet zu haben. Die Geschichte ist bekannt. Marius van der Lubbe wurde für den Brand verurteilt und hingerichtet, Dimitrov doch noch freigesprochen und - das war das eigentliche Ergebnis der Affäre - der junge NS-Staat fand einen Grund, gegen Feindinnen und Feinde im Inneren vorzugehen und die ersten KZs zu errichten. Deshalb auch ist der Pathos von Dimitrovs Ideen verständlich. Er hat sein Leben verteidigt und wollte die angeblich nicht faschistischen Massen zu einem Aufstand ermutigen. In Anbetracht dieser Umstände sind diese Thesen zu lesen.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Heute aber sind sie noch absurder als damals. Weder ist der Faschismus eine Erfindung der "Kapitalisten", noch gibt es diese Kapitalisten, die planen, wie sie die Revolution der "Arbeiterklasse" verhindern können. Faschismus ist eine Ideologie, die Elemente des Kapitalismus aufnimmt, das ist richtig, sie verbindet sich mit rassitischen und nationalistischen Ideen und sie bedarf - wie jede andere Idee - die Umsetzung und Reproduktion durch Menschen. So weit, so kurz. Es steht auch keine Revolution der Arbeiterklasse bevor, es gibt ja noch nicht einmal eine Arbeiterklasse, die sich als solche konstituieren würde. Ob sie überhaupt existiert oder existierte ist auch ungeklärt. Zumindest gäbe es nicht einmal einen Grund für "die Kapitalisten", wenn Dimitrovs Ideen stimmten, heute Nazis einzusetzen. Letztlich war die gesamte Idee Quatsch und darauf zurück zu führen, dass das was passierte, nämlich, dass sich eine Arbeiterbewegung als nationalistische und antikommunistische organisierte und dabei auch noch Elemente der kommunistischen Arbeiterbewegung, wie den Antisemitismus, das binäre Denken und den Fortschrittsglauben aufnahm, nach den Ideen der kommunistischen Partei in den 1920er und 1930er nicht hätte passieren dürfen.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Doch das alles ficht Revolution nicht an.</absatz></feld>
  <feld><zitat>"Die Nazis stellen eine große Gefahr für die Arbeiterbewegung, AntifaschistInnen und AusländerInnen dar [man beachte die Reihenfolge]. Dem hat die linke Szene zurzeit wenig entgegenzusetzen. Das liegt zum einen Teil daran, dass die Antifa-Szene (d.h. lokale, autonome Antifa-Gruppen) [...] keine Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfe mit der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus sieht."</zitat></feld>
  <feld><absatz>Dabei muss man vielleicht wissen, dass neben dem Fakt der praktischen Nichtexistenz der "Arbeiterbewegung", es vielen AntifaschistInnen klar ist, dass gerade diese und ihre relative Stärke dazu beigetragen haben, den Faschismus in Deutschland so schnell und effektiv durchzusetzen. Die Idee mit einer nicht existenten, aber in den 1930ern für den Faschismus notwendigen Bewegung gegen Nazis zusammen zu arbeiten, kann tatsächlich nur jemand haben, der/die den Faschismus nur als das Böse, von außen aufgesetzte und dagegen seine Ideen als natürlich und selbsterklärend richtig begreift. Aus diesem Denken heraus ist dann die Antifa-Politik von Revolution auf die Formel gebracht, die "Einheitsfront [...] der antifaschistischen Bewegung [die es auch als Bewegung eher im Denken von Revolution, als in der Realität gibt] immer wieder vorzuschlagen." Oder, etwas anders und noch abschreckender formuliert: "Klassenbewußtsein in die Antifa-Szene reintragen". Nicht etwa Nazis anzugreifen ist das Ziel, sondern die Antifa auf Kurs zu bringen. Doch es geht noch einen ziemlichen Tick weiter:</absatz></feld>
  <feld><zitat>"Ein Teil der so genannten Linken verteidigt sogar die bürgerliche Idee der Kollektivschuld am Faschismus, also dass jeder Mensch in Deutschland an dem Aufstieg der Faschisten schuld ist (also auch die ArbeiterInnen). Diese dient bloß dazu, die wahren Hauptschuldigen - nämlich die Kapitalisten, die aus der Wiederaufrüstung Deutschlands Gewinn geschlagen haben - zu entlasten. Ihnen [den Kapitalisten] schien der Faschismus als letzte Lösung, um die sozialistische Revolution, die sich im aufflammen [sic!] befand, blutig und brutal niederzuschlagen."</zitat></feld>
  <feld><absatz>"Kollektivschuld", aber das weiß Revolution gewiss nicht, ist ein Begriff, der aus der Neuen Rechten kommt und explizit absurd klingen soll, damit sich alle dagegen vereinen. Auch die Idee, dass "die Linke" von einer solchen Schuld ausgängen, kommt aus der Richtung. Letztlich ging es, als dieser Begriff popularisiert wurde, darum die Linke zu diskreditieren.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Was dagegen von "der so genannten Linken" vertreten wird, ist die Auffassung, dass jedes System, so es sich durchsetzen und ständig in einem Staat weiter reproduzieren will, vom Großteil der jeweiligen Bevölkerung getragen werden muss. So ist das beim Faschismus, der Monarchie, der parlamentarischen Demokratie, dem Sozialismus, immer. Insoweit ist die deutsche Bevölkerung für den Faschismus verantwortlich, nicht die angeblichen Kapitalisten, die ebenso Gewinne ohne Nationalsozialismus hätten verzeichnen können. Letztlich will Revolution nicht über die Gründe und Strukturen des Faschismus reden, sie will die Nazis nicht bekämpfen. Dabei verfällt sie in rechte Propaganda.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Erstaunlich daran ist allerdings nur, dass sie trotzdem bei antifaschistischen Bündnissen mit unterzeichnen darf und, dass sie auf Demonstrationen mit antifaschistischen Zielen geduldet werden.</absatz></feld>

  <feld><titel2>andere widersprüche</titel2></feld>
  <feld><absatz>Die anderen drei Resolutionen - zu den Anti Hartz IV Protesten, der Schule und "zu Sexismus" - waren offenbar zu kurz, um noch weiter so großen Unsinn zu schreiben. Trotzdem sind sie bescheuert. Eine platte wir-haben-den-Plan-Haltung, verbunden mit dem Anspruch, allen anderen zu erzählen, wie "es wirklich ist" und basierend auf Gefühlen, schreibt sich die Gruppe als angebliche linke herbei, ist letztlich aber nur ein Ärgerniss. Nichts, aber auch gar nichts, will man mit ihnen zu tun haben, denn letztlich wollen sie einen nur dazu motivieren, ihre Idee, dass Klassenkampf alles erklären würde, die Kapitalisten/Imperialisten/USA-Gruppe seien die Bösen und alle anderen Gut zu unterstützen. Das verhindert Politik.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Da wird vor allem rumgemeckert, dass die Anti-Hartz-Proteste nicht antikapitalistisch genug gewesen wären, so als ob nicht auch Nazis gerade mit "antikapitalistischen Parolen" bei diesen Protesten aufgetaucht und mitgemacht hätten - etwas, was Revolution auch nicht so recht erklären könnte, würde sie nicht annehmen, dass alles, was Nazis tun, einfach nur gelogen sei. Um die Schule zu kritisieren wird einfach so getan, als hätten die letzten 30, 40 und mehr Jahre an Reformpädagogik nicht stattgefunden und als würden heute SchülerInnen immer noch zum stupiden Auswendig-Lernen, Still-Sitzen und Ja-und-Amen-Sagen erzogen. Das ist dann natürlich einfach anzugreifen, zu einer Kritik der heutigen Bildung, die ja gerade auf Selbstbewußtsein, Individualiät und Risko Wert legt, ist dagegen selbstverständlich nicht zu leisten. Und wenn Revolution dann auch noch schreibt, dass "jeglicher gesellschaftlicher Fortschritt [...] auf einer Weiterentwicklung auf geistiger Ebene und auf erlerntem Wissen [basiert]", dann ist klar, dass die Gruppe einem unreflektierten Fortschrittsoptimismus folgt, und von feministischer Wissenschafts- und Bildungskritik ebensowenig wissen, wie von der Infragestellung der Fortschrittsidee durch das Faktum des Holocaust bei Adorno und Horckheimer.</absatz></feld>
  <feld><absatz>Die "Resolution zu Sexismus" weiss dann auch nichts von den unterschiedlichen Phasen der feministischen und der anti(hetero)sexistischen Bewegungen nach 1920. Sexismus wird hier immer noch einzig als unterschiedlich viel Lohn für Frauen und Männer angesehen, was sich aber mit dem Sozialismus schon regeln würde.</absatz></feld>
  <feld><zitat>"Deshalb treten wir für eine proletarische Frauenbewegung ein, die gemeinsam mit Männern gegen geschlechtlichterbezogene Diskriminierung, der daraus resultierenden Unterdrückung und Überausbeutung der Frauen, kämpft."</zitat></feld>

  <feld><titel2>So what?</titel2></feld>
  <feld><absatz>Was hat es nun gebracht, diese Texte durchzusehen? Inhaltlich eher Erschreckendes. Wo sie auftaucht, scheint es nicht falsch, Revolution mal auf den Kopf zu hauen. Vor allem sollte man - schon aus Menschenfreundlichkeit - suchen zu verhindern, dass sie neue Leute ansprechen und in ihre Gruppen ziehen können. Ansonsten aber zeigte das vor allem: auch wenn mal von Zeit zu Zeit die Themen wechseln, die als wichtigste gelten - der Konflikt im Irak zum Beispiel - so befindet sich der Trotzkismus in seinen unterschiedlichen Positionen immer noch in den 1920ern, bestenfalls 1930ern. Es geht ihm um strategische Kämpfe um eine nicht existente Arbeiterklasse, um eine Reduktion des Denkens auf basale gut/böse Analysen. Das geht einher mit dem Nichtwahrnehmen linker Theorie und Praxis seit dieser Zeit. Doch wie auch der Stalinismus - mit den Ausnahmen, die jährlich bei der sogenannten Liebknecht/Luxemburg-Demo auftauchen - tot ist, sollte auch der Trotzkismus endlich verschwinden. So oberflächlich das klingen mag, ist es doch so, dass er in seinem Aktionismus vor allem linke Politik in unterschiedlichen Feldern behindert. Ich würde niemals mit solchen Leuten auch nur auf der gleichen Demonstration gesichten werden wollen.</absatz></feld>

  <feld><literatur>Alleine ist es schwer zu kämpfen... Organisieren wir uns! / Revolution, Wladek aus [Berlin-]Kreuzberg. Nach www.onesolutionrevolution.de und Revolution [Zeitung], Nr. 10</literatur></feld>
  <feld><literatur>Vive la résistance! Es lebe der Widerstand! Long live the resistance ... / Revolution, Okko aus Osnabrück, ebenda</literatur></feld>
  <feld><literatur>Resolution gegen Nazis / Revolution, Till aus [Berlin-]Lichtenberg, ebenda</literatur></feld>
  <feld><literatur>Resolution zu Hartz / Revolution, Wladek aus [Berlin-]Kreuzberg, ebenda</literatur></feld>
  <feld><literatur>Nicht für die Schule - für den Kampf lernen wir! / Revolution, Susi aus Falkensee, ebenda</literatur></feld>
  <feld><literatur>Resolution zu Sexismus / Revolution, Salvador aus [Berlin-]Friedrichshain, ebenda</literatur></feld>


  <daten><feld>Naivlinge der Revolution - Die trotzkistische Jugendgruppe Revolution und ihre Zeitung</feld> <link href="102004_01.xml" text="ältere Text zu dieser Gruppe" target="_self"/></daten>
  <daten><feld>Homepage des Autors: www.klimm.info.ms</feld> <link href="http://www.klimm.info.ms" target="_blank"/></daten>
  <daten><feld>Die Homepage der Organisation</feld> <link href="http://www.onesolutionrevolution.de" target="_blank"/></daten>


 </artikel>

</kritik>